„Je m’appelle Benoît, je suis officier de la garde du BPC MISTRAL.“
14°36'07.2"N 61°03'37.0"W
An Bord der MISTRAL, dem zweitgrößten Schiff der franösischen Marine, vor Anker im Hafen von Fort-de-France, Martinique.
Das Schwesterschiff der Tonnerre und der Dixmude ist ein Koloss von einem Schiff - fast 200 Meter lang und 32 Meter breit ragt es mit seiner Silhouhette über den Hafen hinaus. Man sieht es schon von weitem, trotz des unauffälligen grauen Anstrichs, wenn man die kurvige Berg- und Talfahrt der Rocarde fährt. Es ist ein Hubschrauberträger, oder laut der Bezeichnung der französischen Marine ein BPC, ein Bâtiment de Projection et de Commandement.
Benoît ist ein zurückhaltender freundlicher Mann, doch er stellt sich vor, er ist der kommandierende Offizier. Das heißt solange der Commandant nicht an Bord ist, hat er den Hut auf, sagt er, und grinst dabei verhalten. Seinen eigenen Hut wollte er für das Foto dann doch noch extra aufsetzen. So sieht man auch alle äußeren Zeichen des Rangs: Offiziere sind komplett in weiß gekleidet - sogar die Schuhe und der Gürtel sind weiß - und tragen die Offiziersmütze auf der Kopf. Blitzblank geputzt und ohne Flecken versteht sich, trotz der karibischen Hitze. Auch der Maat an Deck behandelt ihn respektvoll. Die MISTRAL sagt Benoît, hat auf der letzten Fahrt insgesamt fast 600 Menschen befördert. Derzeit befindet sie sich der Mission "Jeanne d'Arc", einer mehrmonatigen Reise, die das Schiff schon um den halben Atlantik gebracht hat. Mit dabei sind nicht nur die Stammbesatzung, sonder auch Offizierschüler und Mitglieder der Armée de Terre, des Heeres. Im Lauf der Mission wurden mehrere Manöver und Übungen durchgeführt, innerhalb des Schiffes und auch zusammen mit Verbündeten, zum Beispiel in Brasilien.
Die Mistral ist eine Art Multifunktionsschiff. Im Welldeck warten Landungsboote auf den Einsatz, eine Etage darüber ist Platz für schweres Gerät, und noch eine Etage höher, sind die Hubschrauber untergebracht, die für den Einsatz auf das flache, 1450 m² große Flugdeck gebracht werden, das nur noch von der Brücke überragt wird. Außerdem verfügt es über eine Krankenstation mit 69 Betten, eine radiologische Einheit und zwei Operationssäle. Auch der Hubschrauberhangar kann bei Bedarf in ein Feldlazarett verwandelt werden, so dass das Schiff als Kommando- und Trägerschiff, aber auch als Lazarettschiff verwendet werden kann.
Nachdem man das Schiff über die Gangway, beziehungsweise die "passerelle", betreten hat, arbeitet man sich von unten nach oben durch: Das Welldeck ist nicht geflutet, man sieht die Landungsboote auf dem Trockenen liegen, dazwischen werkeln Matrosen mit Gabelstaplern und Kränen. Eine große Rampe führt in die zweite Etage: Dort herrscht gähnende Leere. Nur im hintersten Eck ist noch ein klimatisierter Kontainer, hier stehen Laptops für die Mannschaft zur Verfügung und die Musikinstrumente der Bord-Band.
"Je m’appelle matelot Brandon, je suis en restauration."
Brandon ist Matrose, er arbeitet in der Gastronomie des Schiffes. Er ist seit Anfang 2014 auf dem Schiff. Bald schon fünf Monate. Viel Zeit für Hobbies hat man nicht während der Arbeit, sagt er. Er hat für drei Jahre angeheuert, die ist er durchgehend auf dem Schiff, abgesehen vom Urlaub. Auf dieser Mission haben sie schon in einigen Ländern angelegt: Afrika, Brasilien, Guyane, Guadeloupe, und jetzt in Martinique. Als nächstes soll es in die USA gehen. Und dann endlich wieder nach Hause, nach Frankreich. In dem leeren Hangar weiß er, hatte bis gestern noch die Armee de Terre 50 Laster stehen. Die sind jetzt aber ausgeladen worden. Am Pier stehen noch ein paar.
Weiter geht es durch die kahlen, fensterlosen, spiegelnden Gänge und über graugestrichene Treppen auf denen jeder Schritt durch alle Decks hallt. Das Schiff ist auch im Inneren ein Koloss, Kabelstränge führen überallhin, Abluftschächte und Rohre scheinen einem den Weg zu weisen. In den Mannschaftsbereichen hinter der Gangway waren die Gänge mit Teppich ausgekleidet und an der Wand hingen kleine Schilder, die, ganz wie Straßenschilder, jedem Gang einen Namen zuweisen. Wohl weniger zur Orientierung der Mannschaft, als als kleine Erinnerung an die Welt draußen, an das Festland. Hier, in den Funktionsbereichen ist solcher Schnickschnack nicht mehr zu finden.
HInter einer großen Doppeltür stehen Betten aufgereiht. Die Krankenstation, zumindest einer der Räume. Alles sieht so aus, als wäre es sofort einsatzbereit. Man möchte sich nicht vorstellen wie es hier zugeht, wenn das Schiff als Lazarettschiff verwendet wird. Dann kann das Schiff in ein komplettes Krankenhaus umgebaut werden.
"Je m'appelle Julien, je suis ponev sur le BCP Mistral, et je m’occupe des helicopters."
Unter Deck ist es nicht gerade kühl, und trotz seiner Uniform, deren Ärmel er wie alle Heeressoldaten auf dem Schiff hochgekrempelt hat, ist Julien gutgelaunt. Ponev ist die Abkürzung für pont d'envol erklärt er, das heißt er kümmert sich um die Helikopter, die Instandhaltung und die Einsatzbereitschaft und bringt sie an Deck, wo sie den Flugmannschaften übergeben werden. Julien gehört zur Armée de Terre, wie man schon an seiner Uniform sieht. Auch er ist schon vier Monate auf dem Schiff. Noch zwei Monate bis er wieder daheim ist. Die Familie und die Freunde erwarten ihn, einfach ist das auch für ihn nicht, sagt er. Wenigstens kann man kommunizieren. Zwar können sie auf dem Schiff nicht angerufen werden, aber selbst können sie anrufen, zum Beispiel eben die Familie zuhause. Und das für den gleichen Minutenpreis, wie innerhalb Frankreichs, egal wo auf den Weltmeeren sie sich gerade befinden. Er tut aber auch sein Bestes um von der Umgebung zu profitieren, in der sie ihren Dienst verrichten. Am Wochenende hat er Ausgang, man wird sich am Strand wiedersehen. Er nutzt die Gelegenheit sich zu informieren, welcher Strand sich lohnt und wo man feiern gehen kann. Das Ti Sable am anderen Ende der Bucht? Kein Problem sagt er strahlend, sie haben sogar ein Auto an Bord! Er scheint stolz zu sein auf seine Arbeit und den Dienst den er an Bord der MISTRAL verrichtet. Er erklärt sie haben derzeit drei Hubschraubertypen an Bord: zwei PUMA, zwei GAZELLES und eine ALOUHETTE.
Die stehen ein Deck höher.Mit schweren Ketten und Stahlgewinden gut verzurrt und mit eingefalteten Rotoren. Schließlich muss bei schwerem Seegang ja alles an seinem Platz bleiben damit die militärische Ordnung gewahrt bleibt. Erstaunlich ist es aber schon, wie viel Platz in einem Schiff doch ist. Auch hier gibt es Kräne und Lastenaufzüge so dass die Maschinen auch gewartet und repariert werden können wenn das Schiff lange Zeit auf See bleibt.
Ein paar Stufen höher, nach einem letzten Blick auf den Helikopterhangar betritt man das Flugdeck. Hier weht einem wieder ein frischer Wind um die Nase, der auch die große fanzösische Flagge knattern lässt, die stolz am Heck aufgezogen ist.
Fünf Hubschrauberlandeplätze befinden sich auf dem Deck, alle mit einem großen Kreis gekennzeichnet. Den Überblick über das Flugfeld hat man vom Turm aus - hinter der Brücke.
Das Flugdeck ist riesig. Hier hätten definitiv einige Volleyballfelder Platz. Oder man könnte es für Freiluftkino nutzen, mit der Garantie den Sonnenuntergang nicht zu verpassen, oder man könnte ein Openairfestival machen. Aber halt, das geht ja nicht. Schon deshalb, weil es am Rand schnurgerade mindestens sieben Stockwerke nach unten geht. Und im Moment ist nur auf einer Seite Wasser. Da hält man doch lieber Abstand von der schwarz-gelben Reling, zumindest dort wo es eine Reling gibt.
Der Ausblick ist dennoch einmalig. Auf der einen Seite sieht man bis ans andere Ende der Baie de Fort-de-France nach Anse Mitan, auf der anderen Seite liegt Fort-de-France. Das einzige Hochhaus der Stadt liegt von hier aus hinter dem Fort Saint Louis, alle Häuser schauen daher ganz klein aus. Über der Stadt hängen mal wieder dunkle Regenwolken, wahrscheinlich werden sie wieder ein paar warme Tropfen fallen lassen und dann schnell weiter aufs offene Meer hinausziehen, wo jetzt noch blauer Himmel ist.
Die MISTRAL hebt in drei Tagen wieder den Anker und fährt Richtung USA. Eigentlich sollte dort auch ein Deal mit Russland verhandelt werden, über die Lieferung von mehreren Schiffen der MISTRAL-Klasse. Doch das - so war im Bauch des Schiffes zu erfahren - steht ja jetzt sowieso in den Sternen... Es scheint so, also wäre im Zuge der letzten Ereignisse auch zwischen Frankreich und Russland ein reservierterer Ton angeschlagen worden. Bleibt abzuwarten inwieweit die große Politik und die großen Schiffe einen Weg finden miteinander auszukommen.